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Mirkos Con-Hon – Eintrag #02

13. August 2015 – 7:27 Uhr (+9 JST)

Es ist still. Zu still. Aber ich kann niemandem verübeln, dass er nicht reden möchte. Ich bekomme ja selbst auch kein Wort mehr raus. Außerdem schlafen die Anderen und es gibt wohl keinen besseren Grund, die Klappe zu halten. Okay, betrachten wir Katja mal als Ausnahme, denn sie murmelt was von Ausreiten und gestrickten Socken mit Entchen. Aber ich schweife ab. Es hatte mit Sicherheit niemand von uns jemals solche Angst wie in den letzten zwei Stunden. Jetzt schreibe ich, um nicht gänzlich die Beherrschung zu verlieren und wieder etwas runter zu kommen. Sollte das hier jemals jemand finden, habe ich Kontaktdaten auf die letzte Seite dieses Buches geschrieben. Bitte gebt weiter, was passiert ist:

Der tatsächliche Vorfall passierte viel zu schnell, als dass ich mich groß an die Einzelheiten erinnern könnte. Im einen Moment haben wir noch alle geschlafen, im nächsten war an Bord die Hölle los. Die panischen Schreie verstummten erst dann teilweise, als die Sauerstoffmasken von der Decke fielen. Ich zog mir meine schnell über und wollte mich anschließend vergewissern, dass es mir die Anderen gleichgetan hatten. Ich sah Fabi, wie er seine Sauerstoffmaske überzog. Ich sah Katja, wie sie ihre Sauerstoffmaske überzog. Dann sah ich wieder Fabi, der Katja ihre Sauerstoffmaske noch einmal richtig herum überzog. Ein Blick zu Mona, Nora und Leon brachte mir letztendlich die Gewissheit, dass zumindest diesbezüglich alle versorgt waren. Ich legte meinen Kopf auf die Knie und zitterte in Gedanken an den bevorstehenden Aufprall. Als dieser kam war er zwar heftig, doch längst nicht so, wie ich es vermutet hatte. Beinahe als wären wir auf… Wasser gelandet.

Kaum standen wir einigermaßen still, stürmten die Passagiere panisch zu den Notausgängen.
„Wir sind mitten im Ozean, also krallt euch die wichtigsten Sachen, wenn ihr nicht draufgehen wollt!“, schallte es von irgendwo in unsere Ohren. Kurz tauschten wir ein paar hektische Blicke aus und nickten. Das Gedrängel beschränkte sich nicht nur auf die Gänge im Flugzeug. Auch draußen im Wasser mussten wir aufpassen, dass uns die Menschenmenge in ihrer Panik nicht nach unten drückte und ertränkte, denn hier war niemand mehr Herr seiner Sinne – auch wir nicht. Es dauerte bestimmt eine Viertelstunde, bis sich alle etwas weiter abseits in kleinen Grüppchen sammeln konnten und genug Freiraum hatten, um sich ordentlich über Wasser zu halten. Zu unserem Glück waren wir noch alle sechs beieinander und nannten ein zwar undefinierbares, aber relativ großes Stück Schrott unser Eigen, das zu unser aller Erleichterung keine Anstalten machte, unterzugehen – ganz im Gegensatz zu unserem Flugzeug, das sich langsam aber sicher verabschiedete. Wir klammerten uns an unserer Schrottplatte fest und schwiegen eine ganze Weile, nicht fähig, einen klaren Gedanken zu fassen.

„Ich brauch was zu trinken.“, murmelte Katja irgendwann kleinlaut und verstört. „Hat jemand was mitgenommen?“
Wir alle reagierten nur mit fragenden Blicken an die jeweils Anderen, doch offenbar hatte außer Katja nicht mal jemand an die Schwimmweste gedacht. Moment… außer Katja?
„Ihr habt doch vorhin alle den Typen gehört: Krallt euch die wichtigsten Sachen, wenn ihr nicht draufgehen wollt!“, zischte Fabi verständnislos.

Wieder tauschten wir fragende Blicke aus, ehe ich eingeschüchtert mein durchnässtes Con-Hon auf der Schrottplatte ablegte. Peinlich berührt taten es mir die Anderen gleich und legten ein Tagebuch, zwei Zeichenblöcke, ein Notizbuch und ein Smartphone in unsere Mitte.
„Ist das euer verdammter Ernst?“, fragte ich fassungslos.
„Ganz ruhig, Brauner!“, bremste mich Nora. „Hier war ja scheinbar keiner besser, als der Andere.“
„Ich dachte, es wird schon jemand die Verpflegung mitnehmen.“, murmelte Mona entschuldigend.
„Das dachten wir scheinbar alle.“, seufzte Fabi genervt und tippte dabei wütend auf seinem Smartphone rum.
„Das Ding funktioniert noch?“, fragte ich skeptisch.
„Wasserdichtes Case.“, raunte Fabi. „Aber kein beschissener Empfang hier!“
„Irgendwie logisch.“, entgegnete ich augenrollend.

Für lange Diskussionen waren wir definitiv zu erschöpft, und auch wenn wir mit aller Kraft versuchten, gegen die Müdigkeit anzukämpfen, waren wir mit der Zeit zu schwach, um uns gegenseitig und letztendlich selbst wach zu halten. Erst seit wenigen Minuten sind meine Augen wieder offen und ein Blick auf Fabis Handy sagt mir, dass es örtlich kurz nach halb 8 ist. Zu allem Übel sind wir auch noch abgetrieben und der Stift ist das immer noch recht nasse Papier langsam müde, doch was ich gerade sehe, erfordert sowieso eine Schreibpause. Ist das… eine Insel?
13.8.14 07:27
 


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